Erfolgreich in Kommunen mit E-Carsharing

Ein neuer „Themenleitfaden Mobilität“ des Deutschen Institut für Urbanistik (difu) liefert gute Hinweise wie e-Carsharing erfolgreich in Kommunen eingeführt werden kann. Auftraggeber: „European Commission Directorate-General for Mobility and Transport“.

Themenleitfaden Mobilität

Berlin, Februar 2020. „Integration von Ansätzen geteilter Mobilität in nachhaltigen urbanen Verkehrsentwicklungsplänen (SUMP)“ ist der vollständige Titel dieses Themenleitfadens von Wulf-Holger Arndt, Fabian Drews, Victoria Langer, Martina Hertel und Emmily Wiedenhöft.

SUMP, englisch: Sustainable Urban Mobility Plan

Hier einige Aspekte aus dem Teil, der sich mit Carsharing beschäftiget.

Carsharing ist die organisierte, gemeinschaftliche Nutzung von Kraftfahrzeugen. Im besten Fall fördert Carsharing einen autofreien Lebensstil und bringt das (gemeinsame) Auto in die Rolle einer „Notfalloption“, wenn die Formen umweltfreundlicher Mobilität nicht genügend Alternativen bieten. Sofern individuelle Pkw-Fahrten durch Carsharing eingespart werden, tragen die Angebote zur Reduzierung des Gesamtfahrzeugbestands und zur Änderung von Mobilitätsroutinen bei und leisten somit potenziell einen Betrag zur Umweltentlastung im Stadtverkehr.

bcs 2017

Potenziale und Risiken für den Stadtverkehr

Allgemeine Potenziale sind der Beitrag von Carsharing zur Reduzierung des Gesamtfahrzeugbestands und zur Änderung von Mobilitätsroutinen. Für Kommunen bietet Carsharing vor allem als Ergänzung des ÖPNV und Stärkung des Umweltverbundes hohe Potenziale. Studien belegen, dass ein Carsharing-Fahrzeug in etwa 15 (UBA 2017) bis 16 (team red 2018) Pkw ersetzt. Die damit einhergehende Reduzierung des Parkraumbedarfs als auch -drucks und die effizientere Nutzung der vorhandenen Verkehrsinfrastruktur, im Vergleich zum Besitz privater Pkw, werden zu den positiven Effekten des Carsharings gezählt (ebd.).

Vor diesem Hintergrund sind insbesondere Großstädte und Ballungsräume prädestiniert dafür, Carsharing als Alternative zum privaten Autobesitz in verdichteten Räumen anzubieten und somit den Parkflächenbedarf in Stadtvierteln und neuen städtischen Wohnanlagen effektiv zu reduzieren.Carsharing fördert ein multimodales, weniger auf den Pkw ausgerichtetes Mobilitätsverhalten. Dennoch ist auch das „Auto teilen“ eine zusätzliche Mobilitätsoption in Form des MIV, sodass sichergestellt werden muss, dass die neuen Angebote eine tatsächliche Reduktion des Pkw-Verkehrs erzielen und nicht zusätzlich induzieren. Die Dienstleistung Carsharing kann ihre umweltentlastende Wirkung nur dann entfalten, wenn sie in den Umweltverbund von Bus und Bahn, Fahrrad und Zu-Fuß-Gehen integriert ist. Aus kommunaler Sicht besteht in städtischen bzw. verdichteten Räumen das Risiko der Kannibalisierung des Umweltverbundes (insbesondere des ÖPNV). Für Kommunen ist es deshalb empfehlenswert Carsharing durch gezielte Maßnahmen (z. B. Kombinationsangebote von ÖPNV und Carsharing) in den ÖPNV zu integrieren.Für die Evaluation ökologischer Auswirkungen müssen die verschiedenen Arten von Carsharing differenziert bewertet werden. Während sich stationsbasierte Modelle in dicht besiedelten Stadtteilen mit geringem Motorisierungsgrad, die auch gut an den öffentlichen Verkehr angebunden sind, bewährt haben, sind Free-Floating-Dienste als First-Last-Mile-Strategie in größeren Städten mit knappen Parkraumangebot und einer hohen Parkraumbepreisung am erfolgreichsten und haben hier die größten Einsparpotenziale (CIVITAS 2016).

Chancen und Besonderheiten des E-Carsharings

Die Kombination von Carsharing und Elektromobilität passt gut zusammen und verspricht eine energieeffizientere und lokal emissionsarme Mobilität in Städten. Daher spielt E-Carsharing auch in allen Carsharing-Geschäftsmodellen eine wichtige Rolle. Voraussetzung hierfür ist, dass die Elektrofahrzeuge in den Flotten ausschließlich mit Ökostrom aus zusätzlichen regenerativen Energiequellen aufgeladen werden. Sollten die erwarteten positiven ökologischen Wirkungen nachweisbar sein, liegt es, mit Unterstützung des Gesetzgebers, an den Städten, E-Carsharingentsprechend zu fördern und dessen Potenziale zu nutzen.Carsharing mit Elektrofahrzeugen (E-Fahrzeugen) ist durch die nötigen Ladevorgänge grundsätzlich stationsgebunden. In dicht besiedelten Städten stellt die Bereitstellung von Ladeinfrastruktur (LIS) für E-Fahrzeuge zusätzliche Ansprüche an den öffentlichen Raum in einem Umfeld wachsender Nutzungskonkurrenzen dar.
Oftmals mangelt es den Kommunen an einer bedarfsgerechten LIS. Der dadurch noch erheblich eingeschränkte Service ist einer der Gründe weshalb der Anteil der E-Fahrzeuge im Angebot der Carsharing-Dienstleister deutlich geringer ausfällt als eigentlich möglich.Die Integration von E-Carsharing trägt zum Abbau von Hemmschwellen gegenüber der Nutzung von Elektrofahrzeugen bei, kann aber gleichzeitig aufgrund höherer Kosten, Reichweitenbeschränkungen und unbekannter Verfahren, Barrieren für Carsharing-Nutzende darstellen und so ein Hindernis für die weitere Markterschließung sein.Die gescheiterten Unternehmen „Autolib‘„ in Paris (Angebot 2018 eingestellt) und „Multicity“ in Berlin (Angebot von 2011-2017) zeigen exemplarisch das finanzielle Risiko Free-Floating-Systeme ausschließlich mit Elektroautos zu betreiben. Insofern müssen Kommunen zunächst abwägen ob die Einführung reiner Elektroflotten oder eher kombinierte Betriebskonzepte (E-Fahrzeuge als auch Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor) zur Erreichung der gewünschten Ziele beitragen.Aus kommunaler Sicht ist eine Verbesserung der Abstellsituation bzw. Verfügbarkeit von kommunalen Stellplätzen für E-Carsharing-Fahrzeuge, also der verstärkte Aufbau von Ladepunkten, der Schlüsselfaktor um die Verbreitung von umweltfreundlichen Elektrofahrzeugen auf dem Carsharing-Markt voranzutreiben. Hierfür hat z. B. die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt eine Arbeitshilfe21 zur effizienten Ladeinfrastrukturerweiterung erstellt, dessen Ladeinfrastrukturkonzept vorrangig auf den Bedarf von Elektrofahrzeugen der Carsharing-Flotten abzielt und besonders relevant für Kommunen ist, die vorhaben Betreiber der LIS zu werden (SenStadtUm 2014).

Carsharing erfolgreich in Kommunen einführen

Die Anzahl der Anbietenden als auch die Fahrzeugvielfalt steigt (BCG 2016). Mit der fortschreitenden Etablierung von Carsharing-Angeboten am Verkehrsmarkt entstehen auch neue Herausforderungen für die Stadtentwicklung. Um die Vorteile der geteilten Mobilität für die Planung des städtischen Verkehrs voll auszuschöpfen und angemessen auf die neuen Gegebenheiten zu reagieren, müssen Kommunalverwaltungen ihre Handlungs- und Umsetzungsoptionen rechtzeitig erkennen. Dafür bedarf es einer klaren gesamtstädtischen Strategie, zielorientierter Steuerung seitens der Kommunen als auch einer konsequenten verkehrspolitischen Ausrichtung.Vor diesem Hintergrund ist Carsharing für Kommunen ein wichtiges Instrument der formellen und informellen Planung (z. B. bei der Entwicklung von Nahverkehrsplänen oder SUMP). Berücksichtigt die Kommune die Integration von Carsharing bereits rechtzeitig, kann sie einerseits die Qualität und Quantität der neuen Mobilitätsangebote maßgeblich beeinflussen als auch überprüfen, ob die gewünschten Effekte tatsächlich eintreten. An dieser Stelle können Pilotprojekte und deren Evaluation auf die für die Stadt relevanten Parameter bei der bedarfsgerechten Anpassung des Angebots oder der Größe des Geschäftsfeldes aufmerksam machen, sodass entweder spezifische Stadtteile ausgeschlossen oder das Angebot um Stadtteile erweitert wird. Bei der Berücksichtigung von Carsharing in SUMP sollten Kommunen von guten nationalen und internationalen Beispielen lernen und die Prüfung wirkungsvoller Maßnahmen in die Planungen einbeziehen.Einer der zentralen Faktoren für die erfolgreiche Implementierung von Carsharing-Systemen ist das funktionierende Zusammenspiel zwischen einem gut ausgebauten Nahverkehrssystem, einer fahrradfördernden Verkehrspolitik und kundengerechten Carsharing-Angeboten. Neben der Bereitstellung sinnvoller Verknüpfungspunkte kommt es aber auch darauf an, dass die Dienstleistungen für den Kundenkreis stets zuverlässig und verfügbar sind. Die Quantität und Qualität des Angebots kann seitens der Carsharing-Unternehmen am besten gewährleistet werden, wenn im Einzugsgebiet für die geplanten Systeme eine möglichst hohe Dichte der Siedlungs- und Einwohnerstruktur (kritische Nutzermasse) gegeben ist (CIVITAS 2016).
Wichtig für den Erfolg des Carsharing-Systems ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Verwaltung und Carsharing-Dienstleistern. Laut Masterplan „Shared Mobility“ der Region Hannover können die aktuellen Trends von Wachstum und Ausdifferenzierung des Marktes am besten genutzt und aktiv mitgestaltet werden, wenn frühzeitig Kooperationen zwischen den beiden Akteuren entstehen. So können Vorgaben zur Carsharing-Flotte im Austausch gegen bestimmte Bevorrechtigungen und Erleichterungen durchgesetzt werden.Für die Kommunen gibt es Handlungsspielräume in der Bereitstellung und Ausweisung öffentlicher Flächen als Stellplätze. Beispielsweise können Kommunen mit gewerblichen Carsharing-Anbietenden Vereinbarungen über Parkplätze treffen. Ein öffentlich-rechtlicher Vertrag (gemäß §§ 54 ff. Verwaltungsverfahrensgesetz, VwVfG) (Agora Verkehrswende 2018) ist eine sinnvolle Möglichkeit, Free-Floating-Fahrzeuge zu kontrollieren. Soll das stationsunabhängige Carsharing über Vereinbarungen zu Parkgebühren erfolgreich reguliert werden, ist ein hoher Anteil an bewirtschafteten Parkzonen Grundvoraussetzung (Agora Verkehrswende 2019).
Zahlreiche Städte implementieren oder planen die Schaffung von Mobilitätsstationen und Mobilitätspunkten, die Mobilitätsdienstleistungen anbieten und helfen, den öffentlichen Raum zurückzugewinnen. Zur Genehmigung hat die Stadt München Verträge mit Carsharing-Anbietenden abgeschlossen, die ihnen mit einer Sondergenehmigung (LHM 2017) unbegrenztes Parken auf verwalteten Parkplätzen ermöglichen Für Kommunen allein gibt es zahlreiche Möglichkeiten und potenzielle Aufgaben, die zum Erfolg maßgeblich beitragen können. Zusammenfassend gibt es für Kommunen folgende Handlungsoptionen zur gezielten Förderung von Carsharing-Modellen:

Grafik R. Sczech

Verwaltungs- oder Planverfahren

  • Verankerung von Carsharing-Konzepten in gesamtkommunale SUMP
  • Carsharing als ergänzende Maßnahme in thematischen Einzelplänen wie Klimaschutz- oder Luftreinhalteplänen
  • Verabschiedung eines kommunalen Carsharing-Aktionsplans

Straßenverkehrsrecht (Stellplatzregelungen)

  • Erstellung von Carsharing Stellplatzentwicklungskonzepten
  • Ausweisung von Carsharing-Stellplätzen in Bebauungsplänen
  • Erlass einer Stellplatzsatzung auf der Grundlage des Bauordnungsrechts, aufgrund derer bei der Aufstellung eines Mobilitäts-, insbesondere Carsharing-Konzepts, die nach den Landesbauordnungen bestehende Verpflichtung zur Errichtung von Stellplätzen eingeschränkt wird

Mobilpakete/Mobilitätsstationen/Kooperationen

  • Mobilpakete als bestes gemeinsames Angebot des Umweltverbundes (Kombitickets für die Nutzung verschiedener Mobilitätsdienstleistungen und Bereitstellung gemeinsamer Abbuchsysteme)
  • Verbindung von Carsharing mit anderen Verkehrsmitteln zu Mobilitätsstationen (Carsharing und ÖPNV, Ladesäulen, Bikesharing etc.) und der Ausbau von Ladeinfrastruktur im öffentlichen (Straßen-)Raum
  • finanzielle Starthilfe für Carsharing-Angebote und Zusammenarbeit mit Betrieben und Verwaltungen im Rahmen des Business-Carsharing

Kommunikations- und Marketingmöglichkeiten

  • Förderung durch „Mitmachen“: Aktive Teilnahme am Carsharing durch die Kommunalverwaltung und Wahrnehmung der eigenen Vorbildfunktion
  • Entwicklung von Slogans zur Präsenz in der öffentlichen Wahrnehmung
  • Förderung in Form von Werbung (Aktionen und Kampagnen) für Carsharing im öffentlichen Raum und kommunale Öffentlichkeitsarbeit bei Versammlungen im Rathaus (beispielsweise durch Pressetermine mit Bürgermeistern) (vgl. Agora Verkehrswende 2018)

Lessons Learned

Akteure, Potenziale, Herausforderungen und Empfehlungen bei der erfolgreichen Integration von Sharing-Systemen. Quelle dfu

Martina Hertel
Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Forschungsbereich Mobilität,
Deutsches Institut für Urbanistik (www.difu.de)
… über Parkraummanagement

Geteilte Mobilität braucht Raum vor allem im öffentlichen Raum. Der öffentliche Raum ist knapp, aber leider nutzen die meisten europäischen Städte –bedingt durch das Konzept der Stadtumgestaltung nach dem Zweiten Weltkrieg – einen überproportional großen Teil der öffentlichen Flächen zum Parken von Privatfahrzeugen. Der Flächenverbrauch für Pkw ist vergleichsweise höher als der Modalanteil. Das Parken auf der Straße dominiert viele europäische Städte, und so geht dieser öffentliche Raum an Fahrzeuge verloren, die statistisch gesehen 23 Stunden am Tag nicht genutzt werden. Maßnahmen im Parkraummanagement – vorzugsweise im Aktionsplan des SUMP beschrieben – müssen durchgeführt werden, um öffentliche Flächen vom Parken zu befreien. Dieser wiedergewonnene öffentliche Raum kann zum Parken aller Arten von Sharing-Modi genutzt werden, insbesondere zum Teilen von Fahrrädern, E-Motorrädern und Carsharing, aber auch für Ladezonen. Um die öffentliche Akzeptanz der gemeinsamen Mobilität zu erhöhen, ist es unbedingt erforderlich, gemeinsame Fahrräder und alle anderen gemeinsamen Fahrzeuge vom Parken auf Gehwegen auszuschließen. Die Wiederverwendung von öffentlichem Raum – gemeinsame Mobilität statt Parken von Privatfahrzeugen – muss im SUMP festgelegt werden!

Link zur volständigen Studie: https://repository.difu.de/jspui/bitstream/difu/259050/1/Sonderver%C3%B6ffentlichung_SUMP.pdf

Quelle:

© Deutsches Institut für Urbanistik gGmbHZimmerstraße 13–15 10969 BerlinTelefon: +49 30 39001-0 Telefax: +49 30 39001-100E-Mail: difu@difu.de Internet: www.difu.de

Originaltitel: Integration of shared mobility approaches in Sustainable Urban Mobility Planning. Topic Guide

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